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Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Kampf gegen den Klimawandel:
"Der Mars ist nicht unser Rettungsschiff"

27. August 2021.  Svenja Schulze, die Bundesumweltministerin, sagte kürzlich während eines Besuch unseres Unternehmens in Bremen, dass es vielleicht nicht auf den ersten Blick einleuchte, warum eine Politikerin wie sie sich bei einem Raumfahrtunternehmen wie OHB einfindet. Der Satz ist völlig richtig. Allerdings beweist er auf der anderen Seite auch, wie wenig Wissen in der breiten Öffentlichkeit über die Zusammenhänge zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft im Kampf gegen den Klimawandel vorhanden ist. Die Modelle der Klimaforschung wären ohne Daten aus dem All weniger gut und hilfreich für Entscheidungen der Politik. Denn schon seit Jahrzehnten werden nicht nur bei OHB, sondern bei Raumfahrtunternehmen weltweit Satelliten gebaut, die Wetter-, Klima- und Umweltbeobachtungen durchführen und damit einen großen Beitrag zum Verständnis des Gesamtsystems Erde leisten.

Der Klimawandel ist menschengemacht

Die Ereignisse der vergangenen Monate haben der Menschheit endgültig vor Augen geführt, dass etwas nicht mehr stimmt mit dem Klima. Wälder brennen weltweit und bedrohen immer mehr bewohnte Gebiete, sogar Metropolen wie Athen; das Eis schmilzt so schnell, dass Forscherteams buchstäblich dabei zusehen können; Extremwetterereignisse folgen in immer kürzeren Abständen – die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands hat diese Auswirkung der Klimakrise nun auch in unserer unmittelbaren Nähe deutlich gemacht; zuletzt hat der neueste Bericht des Weltklimarats IPCC erneut klar gemacht, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Und er hat laut und unmissverständlich formuliert, dass wir nun wirklich keine Zeit mehr zum Reden und Debattieren haben – es muss gehandelt werden.

Um dafür aber möglichst gute Entscheidungen zu treffen, brauchen wir jedoch noch mehr und noch bessere Daten über den Zustand des Klimas. Das hat auch Svenja Schulze bei dem OHB-Besuch betont. Und auch Antje Boetius, die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar und Meeresforschung in Bremerhaven, betont die besondere Perspektive, die uns die Raumfahrt eröffnet. Ich erinnere mich noch gut an unser Telefonat im Sommer 2020, als die AWI-Expedition MOSAiC nach Bremerhaven zurückgekehrt war. Sie war sehr aufgewühlt von dem, was ihre Wissenschaftler an Erkenntnissen mitgebracht haben: zum einen, dass die schlimmsten Prognosen für 2020 übertroffen wurden. Und zum anderen, dass die Klimakatastrophe irreversibel ist und die Datenlage deutlich schlechter als erwartet. Vom All aus ist es schlicht einfacher, die Nutzung und auch die Zerstörung der Oberfläche zu erfassen. Etwa indem illegale Fischerei, Brandrodung oder Holzschlag genau dokumentiert werden können. Das Problem derzeit besteht ja darin, dass es einfach noch viel zu leicht ist, sich wegzumogeln. Das geht nicht mehr, wenn vom Weltall auf die Erde geschaut wird.

Es wird künftig ein 24/7-Klimamonitoring geben

Wir sind gerade in einer Phase angekommen, in der wir mit Satellitenprogrammen wie der europäischen Erdbeobachtungsmission Copernicus in die operative Klimaüberwachung der Erde einsteigen. Die Mission CO2M, die OHB derzeit im Auftrag der EU entwickelt, wird es etwa in einigen Jahren ermöglichen, CO2-Emmissionen in der Atmosphäre zu messen und somit die Verursacher ganz konkret zu verorten. Mehr noch: künftig werden Satelliten durch eine Rund-um-die-Uhr-Abdeckung der Erde diese Verursacher sogar im wahrsten Sinn des Wortes auf frischer Tat ertappen können. Es wird künftig ein 24/7-Klimamonitoring geben. Das wird auch dringend nötig sein, um die vereinbarten Klimaziele zu erreichen, vor allem aber jene Länder zu sanktionieren, die sich nicht daran halten. Politiker werden also künftig bessere Daten haben, um ihre Entscheidungen nicht nur zu treffen, sondern deren Richtigkeit und vor allem Notwendigkeit auch zu belegen. Das wiederum macht die Entscheidungen auch legitimer. In einer Zeit, in der Querdenker und andere Verschwörungsgruppen Zweifel an der Seriosität von Wissenschaft säen, ist es enorm wichtig, mit Daten und Fakten zu arbeiten, die über jeden Zweifel erhaben sind.

Die Gespräche mit Wissenschaftlern und Forschern haben mir klar gemacht, dass wir unbedingt schneller handeln müssen – und wir müssen dabei auch alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen. Das schließt meiner Meinung nach auch die Technologien des sogenannten Geoengineering und des Solar Radiation Management ein. Wir sollten auch schnell dafür sorgen, einige dieser Technologien zu erproben. Und Geld sollte dabei erst in zweiter Linie eine Rolle spielen. In der Frage der Pandemie haben die Staaten auch sofort gehandelt und ohne Zögern enorme finanzielle Aufwendungen in Kauf genommen. Wenn beim Kampf gegen den Klimawandel nun Geld als Problem aufgeführt wird, dann halte ich das für ein lächerliches Argument. Immerhin geht es darum, unseren Planeten zu bewahren.

Wir sollten unsere Kraft auf die Rettung der Erde verwenden

Denn mit einem Mythos in Bezug auf den Klimawandel möchte ich an dieser Stelle gern aufräumen: dass wir dereinst einfach in Raumschiffe steigen werden, um auf den Mars oder einen anderen Planeten unseres Sonnensystems umzuziehen, wird nicht passieren. Der Traum der mulitplanetaren Gesellschaft klingt ganz schmissig, ist aber noch sehr, sehr lange unrealistisch. Vor allem der viel diskutierte Mars eignet sich nun mal ganz und gar nicht dafür. Es gibt fast keine Atmosphäre und der Boden ist giftig. Dagegen ist der fieseste Antarktiswinter ein Wellnessprogramm. Ich bin kein Gegner von wissenschaftlichen Marsmissionen, und eines fernen Tages könnte ich mir sogar vorstellen, dass die Menschheit dort eine Forschungsstation wie in der Antarktis betreibt. Aber der Mars ist nicht die Lösung für unser Klimaproblem auf der Erde. Anders formuliert: der Mars ist nicht unser Rettungsschiff! Statt uns also mit dem Exodus von der Erde zu beschäftigen, sollten wir viel lieber all unsere Kraft und Kreativität darauf verwenden, den Schlamassel, in den wir uns in den vergangenen 200 Jahren auf unserem eigenen Planeten gebracht haben, wieder zu beseitigen.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.